Ein paar Gedanken zur Folk- und Weltmusik
Von Michael A. Schmiedel
Die Musikrezensionen auf MIGRApolis behandeln hauptsächlich Konzerte und CDs aus dem Bereich der Folk- und Weltmusik. Was aber ist eigentlich Folk- und Weltmusik? Da ich kein Musikwissenschaftler bin, will ich keine völlig durchdachte Definition von dem vorlegen, was Folk- und Weltmusik ist, aber ein paar Gedanken dazu mögen erlaubt sein:
Eigentlich ist das gar kein Musikstil, sondern es sind eine Vielzahl verschiedener Musikstile, eben Musikstile der vielen verschiedenen Völker der Welt. „Folk-Musik“ ist ein Anglizismus von „Volksmusik“ oder von „Folklore“, doch werden diese Worte nicht immer identisch verwendet. Unter Volksmusik versteht man meistens entweder die traditionelle, ethnische Musik eines Volkes oder konkret unsere deutsche oder deutschsprachige Volksmusik oder volkstümliche Musik. „Folklore“ bezeichnet meistens eben die traditionelle ethnische Musik, wird aber oft mit touristischen Darbietungen derselben verbunden. „Folk-Musik“ schließt das meistens alles mit ein und bedeutet je nach Sprachspiel noch mehr oder weniger anderes. „Weltmusik“ ist ursprünglich ein Marketingbegriff, um die verschiedenen Musken der Welt unter einem Sammelbegriff den europäischen Musikhörern nahe zu bringen. Heute versteht man ihn im weiteren Sinne ebenso als einen Sammelbegriff für die Musiken der Völker der Welt, in einem engeren Sinn als einen Musikstil, der aus Elementen der Musiken der Völker der Welt neue Fusionen kreiert.
Ich verstehe es im folgenden Sinne: Es sind Musikrichtungen, die in ethnischen oder regionalen Traditionen beheimatet, verwurzelt sind. Daher kommen auch die Begriffe „Heimatmusik“ und „Wurzelmusik“. Dabei kann diese traditionelle Anbindung sehr fest und starr sein, man spielt die Stücke genau so, wie sie überliefert sind, oder aber die Wurzeln saugen die Kraft der Tradition aus dem Boden ethnischer Kultur, aber treiben ganz neue Blätter und Blüten. Tradition und Innovation, Überlieferungstreue und Kreativität bilden eine Einheit. Manchmal werden auch alte Musikstile, die im Laufe der Zeit und geschichtlicher Entwicklung vergessen wurden, wiederbelebt.
Folk-Musik kommt aus dem Volke, wobei „Volk“ ein Teil verschiedener Gegensatzpaare sein kann:
- ein Volk versus ein anderes Volk: Man hört, wo eine Musik ihre ethnischen Wurzeln hat. Auch wenn es zu multikulturellen Fusionen verschiedener Folk-Musiken kommt, kann man die einzelnen Bestandteile heraushören und ihre Eigenarten erkennen. Solche multikulturelle Folk-Musik wird dann zur Weltmusik im engeren Sinne.
- Volk vs. Adel und Klerus: Diese Unterteilung ist alt. Sie stammt aus der Zeit, als Volk und Adel und auch Volk und Klerus sich voneinander unterschieden und verschiedene Subkulturen bildeten, und so auch verschiedene Musikkulturen. Während der Adel der höfischen und der Klerus der geistlichen Musik frönte, wurde auf den Dörfern und in den bürgerlichen Städten auf deftige Volksmusik abgetanzt.
- Volk vs. Herrschaft: Das geht teilweise mit der vorher genannten Dichotomie einher. Dazu gehört dann aber auch die Tradition politischer Protestlieder. In USA wurde der Begriff der „folk music“ erstmals in diesem Sinne verwendet: Protestlieder gegen die Regierung, die Kriege führt, zu viele Steuern eintreibt, den Alkohol verbietet, die Umwelt verschmutzt und so weiter. Auch bei uns in Europa und Deutschland hat das eine lange Tradition: 1848 und 1968 wären ohne Protestlieder nicht zu dem Ruhm gekommen, den sie haben. Und die irischen Rebelsongs spielen einen wichtigen Teil in den Klischeevorstellungen, die man von der grünen Insel und ihren Pubs hat.
- Volk versus Profitum: Folk-Musik ist oft handgemachte Musik, komponiert, gedichtet, gespielt, gesungen und getanzt von Amateuren oder Teilprofis, aber oft gerade nicht von den hauptberuflichen Musikern. So gesehen wurden immer wieder verschiedene Musikrichtungen zu neuer Volksmusik, wenn „normale“ Leute Pop, Rock, Jazz usw. spielen. Die Grenzen sind eher fließend. Profis gibt es aber auch.
Wie auch immer, die Hauptsache ist, man hat Freude dabei, die Musik zu produzieren und zu konsumieren. Man mag sich dabei einfach den Melodien und Rhythmen hingeben, von alten Zeiten, fernen Ländern oder der trauten Heimat träumen, sich gesellschaftliche Utopien ausmalen, in Liebeskummer schwelgen oder dabei ordentlich einen heben, es gibt viele Arten Folk-Musik zu genießen.
(In dieser Version hier veröffentlicht am 28.01.2010.)
