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Der Afrikatag

Natasha Kelly und Kabasia Chuwa-Moliki (Foto © Schmiedel.)

Auf der 7. Bonner Buchmesse Migration.
Samstag, 21.11.2009, 11-23.30 Uhr.

Bericht von Michael A. Schmiedel.

 

In Zusammenarbeit mit dem Deutsch-Afrikanischen Zentrum Bonn  (DAZ), dem Allerweltshaus Köln, der Deutsch-Maghrebinischen Gesellschaft und gefördert von der Stiftung Umwelt und Entwicklung Nordrhein-Westfalen fand im Rahmen der 7. Bonner Buchmesse Migration ein Afrikatag mit verschiedenen Lesungen, Gesprächsrunden, Podiumsgesprächen, lyrischer Performance, einem Buffet und Musik statt.

Der Tag begann mit einem Forum junger Autorinnen und Autoren mit afrikanischen Wurzeln über den es einen Extrabericht von Stephanie Matthes und Jenny Hellmann ( gibt und mit einer Musik der guineischen Gruppe Association Dökala. Weiter ging es mit „Kinder erleben Afrika“, einer Veranstaltung, in der Kinder unter der Anleitung des aus Guinea-Conakry  stammenden Künstlers, Musikers, Tänzers und Kostümbildners Fode Camara in spielerischer Form den künstlerischen Reichtum Afrikas kennen lernen konnten. Im Foyer konnte man den ganzen Tag die Fotoausstellung „Stückland“ von Arnaldo da Silva betrachten.

Lesungen gab es mit Jean-Felix Belinga Belinga aus Kamerun, über die es einen Extraartikel von Stephanie Matthes gibt, Wilfried N’Sondé aus dem Kongo und Youssouf Amine Elalamy aus Marokko.

Youssouf Amine Elalamy, bei dessen Lesung ich zugegen war, trug aus seinem Buch „Gestrandet“ vor. Er las auf Französisch, aber seine Übersetzerin und auch die Verlegerin Donate Kinzelbach waren zugegen, übersetzten es ins Deutsche und kommentierten es. Das Buch erzählt aus der Perspeltive eines Fischers die Geschichte von Flüchtlingen, die in einem überfüllten Boot die Flucht über das Mittelmeer antreten aus der Perspektive eines Fischers. Es handelt sich zwar um eine fiktive Geschichte, sie besiert aber auf einer tragischen und brutalen Realität. In den letzten zehn Jahren, so konnten es die Zuhörer erfahren, ertranken etwa 16000 Menschen bei Fluchtversuchen im Mittelmeer. Das Buch erschien vor neun Jahren in Marokko, erhielt einige Preise, und trotzdem ist das Thema für viele Europäer heute immer noch unbekannt. Weder in Afrika, noch in Europa fühlen sich die Spitzen der Gesellschaft für die Armen und Flüchtlinge verantwortlich. In Afrika herrscht eine Vorstellung von Europa und Nordamerika vor, die vor allem von Spielfilmen geprägt ist, die in erster Linie Reichtum und Wohlstand zeigen. Heimkehrer nach Afrika korrigieren dieses Bild auch nicht, sondern wollen lieber als erfolgreiche Heimkehrer dastehen, denen es in der Fremde richtig gut gegangen ist. Elalamy hingegen, der drei Jahre lang in New York gelebt hat, will aufklären und erzählt davon, dort eine viel schlimmere Armut vorgefunden habe, als er sie aus Marokko kenne.

Der Abend wurde mit einem reichhaltigen afrikanischen Buffet eingeleitet, das vom afrikanischen Partyservice baobab angeboten wurde. Dieser hatte es gar nicht eilig, die Leute zügig zu versorgen, so dass es mit dem Programm mit einiger Verzögerung weiter ging.

Zwei Künstlerinnen, die aus Uganda stammende Kabasia Chuwa-Moliki und die in Jamaika geborene Natasha Kelly, beide seit Jahrzehnten in Deutschland lebend, lasen sodann sowohl Gedichte aus eigener Feder, als auch von May Ayim, die als Gründerin der afrikanischen Poesieszene in Deutschland gilt.

Anschließend wurde es nochmal diskursiv mit dem Podiumsgespräch zum Thema „Kultur und Entwicklung: Wie blind sind wir?“ Hermann Schulz (Autor und Gründer des Hammer Verlages, der der wichtigste Verlag für afrikanische Literatur im deutschsprachigen Raum ist), Gerd Meuer (Autor, Journalist und jahrelang Westafrikakorrespondent der ARD), Donata Kinzelbach (Verlegerin) und Bernhard „Felix“ von Grünberg (Politiker, Sammler und Kenner afrikanischer Kunst) und die Autorinnen und Autoren des Afrikatages diskutierten eifrig. Es moderierte Klaus Thüsing (2. Vorsitzender des Deutsch-Afrikanischen Zentrums).
Die Afrikanische Kunst, so sagte Grünberg, sei von Christentum und Islam lange zerstört worden, habe später aber die moderne europäische Kunst, wie den Kubismus, sehr beeinflusst. Schulz und Kinzelbach beklagten die geringe Verbreitung afrikanischer Literatur. Es liege nicht an ihrer Qualität. Aber in ganz Tansania zum Beispiel gebe es so viele Buchhandlungen wie in Wuppertal, und in ihnen sei vor allem englischsprachige Literatur zu finden. Es herrsche auch in Nordafrika ein großer Papiermangel und viele Streitigkeiten um die Rechte an einem Buch. Letzteres mache das Verlegen eines Buches sehr schwierig. Meuer erklärte, in Afrika habe die mündliche Tradierung von Texten eine lange Tradition, was auch dazu führe, dass Radiosendungen, in denen Literatur vorgelesen wird, sehr beliebt seien. Allerdings gebe es kaum noch gute Radiosender auf BBC-Level, sondern sie würden mehr und mehr kommerzialisiert und lebten vor allem von Werbung, deren Auftraggeber auch das Programmformat bestimmten. Die Verlage wiederum machten vor allem Schulbücher, weil mit diesen mehr Geld zu verdienen sei. Während in Europa vor allem das Interesse an afrikanischer Musik steige, beklagte Grünberg, dass es zum Beispiel in der Bundeskunsthalle oder im Kunstmuseum in Bonn noch nie eine afrikanische Kunstausstellung gegeben habe. Kinzelbach meinte, die bildende Kunst und die Musik hätten es aber einfacher als die Literatur, weil man sich schneller etwas ansehe oder anhöre, als ein Buch lese. Die deutschen Buchhändler wüssten zudem oft gar nichts über afrikanische Literatur. Schütz meinte, es gebe viele Bücher, die in Afrika spielten, in denen Afrika aber eher nur Kulisse sei. Meuer ergänzte aber, dass es zumindest afrikanische Filme ins deutsche Fernsehen geschafft hätten. Die liefen zwar im Nachtprogramm, aber man könne ja den Recorder programmieren und sie aufnehmen. In Nigeria dagegen bekomme man nur Nollywoodfilme zu sehen, billige und qualitativ schlechte Produkte der nigerianischen Filmindustrie. Es entwickelte sich daraufhin eine Diskussion darüber, wieviel Prozent der Deutschen überhaupt Bücher kaufen, wobei die Zahlen zwischen einem und acht Prozent schwankten. [Anmerkung: Wir konnten nicht herausfinden, welche Zahl stimmt.] Ein anderes Problem bei der Wahrnehmung afrikanischer Literatur in Europa sei, dass von afrikanischen Schriftstellern erwartet werde, zum ganzen Kontinent Afrika Stellung zu nehmen. So etwas würde von einem europäischen Schriftsteller in Bezug auf Europa nie erwartet. Elalamy beklagte, dass afrikanische Autoren für Europäer nur interessant seien, wenn sie über ein spezifisch afrikanisches Thema schrieben, so wie in arabischen Ländern Literatur von Frauen immer frauenspezifische Themen aufweisen müsse. Dabei schrieben doch sowohl Afrikaner als auch Frauen über alle Themen, wie Nichtafrikaner und männliche Araber auch. Afrikanische Literatur würde oft als Informationsquelle über Afrika gelesen, aber nicht einfach nur als Literatur.

Als noch viele mit rauchenden Köpfen dem intellektuellen Feuerwerk lauschten, vernahm man aus dem Foyer schon Rhythmen und Harmonien, die mehr den Bauch und vor allem die Beine ansprachen. Die Bonner Band BonnAfrika, deren Mitglieder, abgesehen von einem Gastmusiker aus Sri lanka, aus verschiedenen afrikanischen Ländern, stammen, spielte zum Tanze auf, und bald folgten auch die letzten Diskutanten der Aufforderung und wiegten sich zu afrikanischen Rhythmen. Wahrlich, die lassen sich leichter konsumieren als Seiten voller Buchstaben. Und wenn Sie das hier alles gelesen haben, legen sie doch eine CD ein und entspannen sich von der Anstrengung.

 

Überblick über die Berichte zur 7. Bonner Buchmesse Migration.

 

Bildergalerie (Fotos © Schmiedel):

Forum junger Autorinnen und Autoren aus Afrika.

Forum junger Autorinnen und Autoren aus Afrika.

Forum junger Autorinnen und Autoren aus Afrika.

Forum junger Autorinnen und Autoren aus Afrika.

Lesung mit Youssouf Amine Elalamy.

Lesung mit Youssouf Amine Elalamy.

Lesung mit Youssouf Amine Elalamy.

Das Buffet.

Das Buffet.

Das Buffet.

Natasha Kelly und Kabasia Chuwa-Moliki.

Natasha Kelly und Kabasia Chuwa-Moliki.

Natasha Kelly und Kabasia Chuwa-Moliki.

Podiumsgespräch zum Thema „Kultur und Entwicklung: Wie blind sind wir?“.

Podiumsgespräch zum Thema „Kultur und Entwicklung: Wie blind sind wir?“.

Podiumsgespräch zum Thema „Kultur und Entwicklung: Wie blind sind wir?“.

Podiumsgespräch zum Thema „Kultur und Entwicklung: Wie blind sind wir ?“: Wilfried N'Sondé.

Tanzen mit BonnAfrika.

BonnAfrika.

BonnAfrika.

BonnAfrika.

BonnAfrika.

BonnAfrika.

BonnAfrika.

BonnAfrika.

Gefördert vom Europäischen Integrationsfonds.

(Hier veröffentlicht am 8.2.2010. Namen fett gemacht und ein Link ergänzt am 11.2.2010)

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