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Die Fiddlers Session in Bonn-Endenich

Fiddlers Session (Foto © Schmiedel).

Man trifft sich und spielt, spontan, aber nicht willkürlich.

Von Michael A. Schmiedel


In einigen Musikrezensionen hatte ich das Wort „Session“ verwendet. Vielleicht gibt es ja Leserinnen oder Leser, die damit nicht so recht was anzufangen wissen, die dabei vielleicht an die Karnevals-Session denken, oder an eine Session während eines Konzils oder aber an eine Poetry-Slam-Session oder eine Jam-Session beim Jazz. Die letzten beiden und vor allem die letzte Verwendung des Wortes kommt der Sache, die ich meine, recht nahe. Zunächst ist die Aussprache des Wortes eine Englische, nämlich Seschen. Es gibt auch eine gälische Schreibweise: sessuin. Die Karnevals-Session spricht mal deutsch aus: Ses-sion. Das kommt wohl von „Saison“ und meint ja auch die so genannte fünfte Jahreszeit. Die Session, die ich meine, hängt wahrscheinlich eher mit „Sitzung“ zusammen, egal, ob beim Konzil oder im Pub: Man trifft sich, setzt sich zusammen hin (man kann auch stehen bleiben) und tut was zusammen. Bei der Konzils-Session bespricht man etwas, bei der Poetry-Slam-Session trägt man Gedichte vor, bei der Jam-Session macht man zusammen Musik. Letzteres trifft auch auf die Session zu, die ich meine, die irische Session.

Bei einer Musik-Session, egal ob im Jazz oder im Folk oder wo auch immer, spielen Musiker(innen) zusammen, aber es ist kein Konzert. Es ist auch keine Probe für einen späteren Auftritt. Nein, man spielt zusammen, was einem gerade so einfällt. Einer beginnt, ein Stück zu spielen, wer kann und will, steigt ein, und so kann ein ganz gewaltiger Klang dabei entstehen. Es gibt auch Zuhörer(innen), ja manche Sessions sind so bekannt, dass sie Publikum anziehen, was wiederum den für die Musiker(innen) angenehmen Effekt hat, dass die Wirte der Wirtshäuser, in denen die Sessions stattfinden, ihnen freie Getränke servieren, denn ihr eigener Umsatz steigt an einem solchen Abend nicht unerheblich. Manche Wirte sind aber auch knausrig und stellen lediglich den Raum für die Session kostenlos zur Verfügung.

Der Inhaber das Fiddlers Irish Pub in Bonn-Endenich, Raymnond Searson aus Irland, ist keineswegs knausrig. Als 1989 der Musiklehrer Tom Kannmacher und der Keltologe Diarmuid Johnson die Bonner Pubs nach einem Session-Raum absuchten, stießen sie bei ihm auf offene Ohren und Türen. Seit dem treffen sich dort die Musiker(innen) der Region, die gerne traditionelle irische Musik spielen. Es sind Profis darunter, wie besagter Tom, es sind Anfänger dabei und jede Menge Leute, die irgendwo dazwischen liegen. Man kommt, packt sein Instrument aus, sei es eine Tin Whistle, also jene sechslöchrige Blechpfeife, gewissermaßen die irisch-britische Blockflöte, die auch ich ein wenig beherrsche, sei es eine Gitarre, eine Flute (Querflöte), eine Fiddle (Geige), eine Bhodrán (Rahmentrommel), ein(e) Bouzouki, einen Kontrabass (dessen Spieler dann zumeist stehen bleiben) oder vielleicht eine Uilleann Pipe, jene besondere irische Bauart einer Sackpfeife/eines Dudelsackes, dessen Luftsack nicht mit Lunge und Mund, sondern mit Blasebalg und Ellbogen (uilleann = gälisch für Ellbogen) mit Luft gefüllt wird und die überdies Regulatoren besitzt, mit denen man die eigentliche Melodie noch mit Akkorden und Bordunen unterlegen kann. Da dieses Instrument eigentlich aus mehreren Pfeifen besteht, wird es meistens im Plural genannt: Uilleann Pipes. Oder aber man singt. Manchmal tanzen auch welche dazu, denn die meisten Stücke sind eigentlich Tanzmusik: Jigs, Reels, Hornpipes, Polkas, Walzer, Strathspeys und wie sie alle heißen.

Im Fiddlers begann man damals mit einer solchen Session im Monat, dann waren es bald zwei, dann drei, vier, fünf, ... Und zwar haben die Musiker(innen) es nach und nach etwas aufgeteilt: Für die sehr Geübten unter ihnen wurde die normale oder Fast Session, also die schnelle Session, eingeführt (Reels spielt man manchmal so schnell, dass man darauf gar nicht mehr tanzen kann), für weniger Geübte die Slow Session, die langsame Session also, bei der die selben Stücke etwas langsamer gespielt werden (manchmal kommt die Schönheit der Melodien dabei erst so richtig zum Vorschein). Die Sänger(innen) kommen bei beiden etwas zu kurz, weswegen man noch die Singing oder Ballad Session hinzufügte, also die Sing- oder Balladen-Session (viele der traditionellen irischen und schottischen Lieder (auch Folk Songs oder Volkslieder genannt) sind Balladen, die lustige, traurige, spannende oder andere Geschichten erzählen). Und damit die Tänzer(innen) auch zu ihrem Recht kommen, kam dann noch die Dance Session, also die Tanz-Session hinzu (da wir meist gesteppt). Jede dieser Sessions findet nunmehr an einem eigenen Mittwoch im Monat statt, und hat der Monat einen fünften Mittwoch, dann gibt es noch eine Session ohne Schublade, und wollen die Musiker(innen) mal spontan eine Session machen, zum Beispiel nach einem Konzert, dann geht das häufig auch.

Traditionelle Musik ist ja eigentlich festgelegt. Anders als beim Jazz gibt es also keine ganz freien Improvisationen. Die Musiker(innen) haben zum Teil bis zu hundert Tunes (gesprochen Tjuns), wie man die Melodien auch nennt, im Kopf. Ausgetüftelte Arrangements sind indessen bei der Spontaneität auch nicht möglich, so dass in einigem Umfang, wenn nicht einfach unisono parallel gespielt wird, schon auch improvisiert wird. Und überhaupt ist bei der irischen Musik vieles im Detail Ermessens- und Kreativitätssache der jeweiligen Musiker(innen), was es dann, wenn man sich daran gewöhnt hat, auf die Details zu achten, auch so ungemein spannend macht, ihr zuzuhören. Ist man es nicht gewöhnt, klingt einem vielleicht ein Reel wie der andere, einfach nur Dadeldadadadadelada dadiedeldadiedeldada ...

Trotz der Spezialisierung auf irische und etwas schottische Musik (mit Abstechern in die bretonische, galizische, asturische, französische, dänische, schwedische, bulgarische, mazedonische und auch deutsche Musik) sind die wenigsten der Musiker(innen) Irinnen oder Iren, der eine oder die andere aber schon. Es gab im Fiddlers auch eine Zeit lang eine französisch-bretonische Session, die sich aber leider nicht gehalten hat.  Irish Folk/Trad Music aber entwickelt sich nach und nach zu einer internationalen oder interkulturellen Musik, ähnlich wie der Jazz, der ja auch mal regionaler und ethnischer gebunden war, als er es heute ist. Die meisten der Irish Folk–Bands in Bonn und Umgebung haben auf die eine oder andere Weise mit der Fiddlers Session zu tun, ganz zu schweigen vom von 2002 bis 2009 jährlich stattfindenden Bonner Irish Folk Festival, das 2010 pausierte, 2011 aber hoffentlich wieder stattfinden wird. Bis Dublin selbst hat sich ihr guter Ruf schon verbreitet. Sie ist heute ein interkultureller und künstlerischer Knotenpunkt Bonns. Am 17. März 2010, also am St. Patrick’s Day, dem irischen Nationalfeiertag, gab es nach gut rheinischer Tradition im Fiddlers eine 11-Jahre-Jubiläumssession. An diesem Abend war es besonders voll: Mehr als 20 Musikerinnen und Musiker saßen beisammen und noch viel mehr Leute hörten zu. Aber es gibt auch beschaulichere Sessions, die zwar weniger Klangvolumen haben, bei denen die einzelnen Instrumente aber klarer zu hören sind. Schauen und hören Sie doch mal rein und überzeugen Sie sich selbst.

Links:
Fiddlers Irish Pub:
http://www.fiddlers-bonn.com/
Sessioneers (Selbstdarstellung der irischen Sessions in Bonn und Umgebung):
http://www.sessioneers.de/
Tom Kannmacher:
http://www.Kannmachmusik.de
Und hier meine Liste von Musikern, Veranstaltungsorten und so weiter in Bonn und Umgebung:
http://www.migrapolis-deutschland.de/index.php?id=1590
Auf der Seite von Andreas Schneider gibt es auch ein Video zum Fiddlers:
http://www.bodhranunterricht.de/bilder--medien/sonstiges-1/index.html#2711819c2811d2617 

Lesen Sie bei Bedarf auch meinen Artikel:
Kelten am Rhein. Die Bonner Irish-Folk-Szene. Auf den Einsatz kommt es an. In: Folker 02.10, S. 48.
Hier ist ein Teaser davon: http://www.folker.de/201002/96heimspiel.php#1

Bildergalerie (Fotos © Schmiedel):

Fiddlers Session am 2.9.2009: Bouzouki und zwei Fiddles, ...

...Fiddle, Tin Whisle, Flute und Bhodrán ...

... Mandoline und Gitarre ...

... und hinten in der Ecke Uilleann Pipes ...

... und auf dem Tisch ihres Einsatzes harrend: Tin und Low Whistles ...

An der Unschärfe der Bilder sieht man die Spielgeschwindigkeit ;-) ...

... die beim Gesang etwas langsamer wurde.

Der Fiddlers Irish Pub liegt übrigens neben dem Rex-Kino ...

... und gegenüber dem Springmaus-Theater in der Endenicher Kulturmeile.

Meine neue Camera interpretiert die Musik anders: 11-Jahre-Jubiläums-Session am 17.3.2010: Tin Whistle, Flute, Low Whistle, Fiddle, Banjo ...

... und Tom Kannmacher wirft einen kritischen Blick auf meinen Folker-Artikel über die Bonner Irish Folk - Szene, derweil seine Uilleann Pipes auf seinem Schoß ruhen ...

und weiter geht's mit Whistle, Uilleann Pipes, Whistle, Fiddle, Banjo ...

... und rechts nochmal Whistle und Uilleann Pipes ...

...Uilleann Pipes, Tin Whistle und Gitarre ...

... und Kontrabaß mit St. Patrick's-Hut ...

... Fiddle, Bhodrán von innen und Whistle ...

... und noch eine Gitarre. Wer es auch hören will, sollte man hingehen an einen Mittwochabend.

(Hier veröffentlicht am 21.6.2010.)

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