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Emanzipation – ein vergessenes Wort?

Michael A. Schmiedel in einem seiner Lieblingsröcke auf dem Würzburger Bahnhof (Foto © Schenk-Schmiedel).

Betrachtung von Michael A. Schmiedel

 

Manchmal fragen mich Leute, warum ich einen Rock trage. Für gewöhnlich fasse ich meine Gründe kurz zusammen mit den Worten: „Weil ich es angenehm finde und emanzipiert bin.“ Viele verstehen sofort, und es bleibt nur die Frage, warum sie nicht selber darauf gekommen sind. Sind die Frager Jugendliche, kommt es aber oft vor, dass ich dann gefragt werde: „Hä?“ Das habe ich auch schon mal erlebt, als ich auf die Frage, ob ich ein Homo sei, den Jugendlichen antwortete: „Ja, ein Homo sapiens, so wie ihr!“ – „Hä?“

Liegt das Unverständnis nur daran, dass ich so genannte Fremdwörter verwendete, die in dem Diskursuniversum meiner jugendlichen Gesprächspartner nicht gebräuchlich sind? Oder ist es eine tiefergehende Unkenntnis der Werte, die doch in unserer Gesellschaft hoch gehalten werden, zumindest theoretisch? Die Bezeichnung „Homo sapiens“, also „verständiger, kluger, einsichtiger, weiser Mensch“ für unsere ganze Art, das habe ich selbst schon als Jugendlicher, so mit zirka 16 Jahren, mal in einem Aufsatz erörtert, ist oft eher eine Anmaßung als eine Tatsachenbeschreibung. Wären wir mehrheitlich wirklich weise, sähe es anders aus auf der Welt. Aber man kann es doch immerhin anstreben, dem Namen gerecht zu werden und Weisheit, Sapientia, Sophia, Vijñana oder wie immer man es nennen will, zu erreichen, Verständnis für die Wirklichkeit, Einsicht in die Zusammenhänge, Klugheit bei den Entscheidungen und deren Umsetzungen.

Die Neugier, die ich dann zugunsten meines eigenen idealistischen Menschenbildes in das „Hä?“ hineininterpretiere, da ich den Jugendlichen nicht einfach absichtliche Ignoranz unterstellen will, versuche ich dann in Bezug auf das Wort „Emanzipation“ dahingehend zu befriedigen, dass ich sage: „Das bedeutet so viel wie Befreiung, zum Beispiel aus der Sklaverei …“ Ein Mädchen unterbrach mich mal an dieser Stelle mit der Frage: „Ach, sind Sie ein Freigelassener?“ Und wenn ich von der Befreiung von Rollenklischees spreche, stelle ich auch wieder Nichtverstehen bei meinen jugendlichen Gesprächspartnern fest. Erst wenn ich das Wort „Gleichberechtigung“ ins Spiel bringe, bemerke ich ein Wiedererkennen in Form eines Nickens oder eines „Ah, ja“.

Danach wird es dann aber noch spannender oder vielleicht auch erschreckender: Die Frage, was denn mein Rocktragen mit Gleichberechtigung zu tun habe, kommt selten, sondern eher die Frage, ob es mir nicht peinlich sei. Peinlich? Wieso sollte es mir peinlich sein, emanzipiert zu sein? Ach nein, davon sprechen meine jugendlichen Gesprächspartner gar nicht, sondern davon, dass es mir doch peinlich sein könnte oder gar sollte, etwas zu tun, was sonst niemand tut. Abgesehen davon, dass es nicht stimmt, dass sonst kein Mann Röcke trägt, erhebt sich bei mir die Frage, warum es peinlich sein sollte, als einziger etwas zu tun, wovon man überzeugt ist. Mir wäre es viel peinlicher, etwas zu tun, wovon ich nicht überzeugt bin oder etwas zu lassen, wovon ich überzeugt bin. Und dann kommt noch etwas viel Verwunderlicheres: Nicht dass Jungs mir gegenüber zugäben, sich nicht trauen zu würden, einen Rock zu tragen – nein, sie trauen sich noch nicht mal, vernünftig über das Thema zu reden, selbst das ist ihnen anscheinend zu peinlich – sondern dass Mädchen mir gegenüber zugeben, IHNEN wäre es peinlich, einen Rock zu tragen. „Hä?“, formen sich dann in meinem Kopf diese zwei Buchstaben der Verwunderung, „warum das dann, Du bist ein Mädchen, für Mädchen ist es doch ganz normal, Röcke zu tragen.“ „Man wird dann immer so angeguckt“, kommt als Antwort, und mehr als einmal hörte ich schon: „Ich trage immer nur Hosen!“ oder gar „Ich habe noch nie einen Rock angehabt.“ Derartige Aussagen hörte ich übrigens völlig unabhängig von einem eventuell vorhandenen Migrationshintergrund, also ganz egal, ob das Mädchen oder seine Familie aus der Türkei, Marokko, Somalia oder Deutschland stammt.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts haben sich Frauen in den meisten Gebieten Europas und Nordamerikas neben vielen anderen vormals den Männern vorbehaltenen Rechten auch das Recht auf das Tragen von Hosen erkämpft. Dass heute Mädchen so selbstverständlich wie Jungs von klein auf Hosen tragen, kann man als einen Erfolg dieses Kampfes ansehen. Dass aber nun in anderer Richtung eine Art psychosozialer Druck existiert, der es den Mädchen unmöglich macht, ihre doch formal und in den Augen der meisten Mitglieder unserer Gesellschaft vorhandene freie Kleidungswahl auch wahrzunehmen, und eben je nach eigener Entscheidung mal Hose, mal Rock oder Kleid zu tragen, je nach Wetterlage, Bewegungsvorhaben und was sonst noch die Kleidungswahl beeinflusst, zeigt, dass das eigentliche Ziel, nämlich die Emanzipation, noch nicht erreicht ist, nicht für die Mädchen – und erst recht nicht für die Jungs.

Viel stärker als Emanzipationsideale – mal ganz abgesehen von der Kenntnis des Wortes – scheint etwas anderes auf das Verhalten der Jugendlichen einzuwirken, nämlich das Sichausrichten am Verhalten der Mehrheit, vor allem der Mehrheit der Gleichaltrigen im eigenen Lebensumfeld, der so genannten Peergroup. Das war auch schon so, als ich ein Jugendlicher war. Ich erinnere mich an eine Begebenheit auf einer Klassenfahrt nach München, als ich 14 war. Wir standen im Olympiagelände herum, und ein Trupp Soldaten in Uniform kam vorbei. Einer von uns rief: „Guckt mal, die haben alle dasselbe an!“ Ich sah mir meine Klassenkameraden an und lachte innerlich, denn fast alle trugen Jeanshosen und Parkas, wie es Ende der 1970er Jahre Mode war. Ich trug, wenn ich mich recht erinnere, eine Cordhose und einen Anorak. Jeanshosen trug ich erst, als ich mit zirka 17 merkte, dass ich keinen Gruppendruck mehr empfand, von dem ich glaubte, dazu gezwungen zu sein. Mit Jeansröcken fing ich erst mit 34 an, als ich den auch auf erwachsene Männer wirkenden psychosozialen Druck, der mich zum Hosentragen zwang, abgeschüttelt hatte. Das bedeutet aber nicht, dass man als emanzipierter Mann unbedingt Röcke tragen muss, genau so wenig, wie nur emanzipierte Männer Röcke und Kleider tragen. In vielen Kulturen Afrikas und Asiens sind Röcke und Kleider traditionelle Männerkleidung, ohne dass die Männer dort (alle) emanzipiert sind. Auch gibt es emanzipierte Frauen, die lieber Röcke und Kleider tragen, und solche, die Hosen tragen, ohne emanzipiert zu sein. Wichtig ist aber, dass man seine Freiheiten auch wahrnimmt und sich bei einer Wahl bewusst gemäß seinen eigenen Überzeugungen entscheidet. So lange man sich das nicht traut, weil man damit eventuell alleine steht, steht man unter einem Druck, der einen zu Dingen zwingt, die man vielleicht gar nicht will. Um emanzipiert zu sein, genügt es nicht, die Früchte des Emanzipationskampfes früherer Generationen zu genießen, sondern man muss auch bereit sein, diese Früchte zu verteidigen und ihnen weitere hinzuzufügen.

Ich fragte mal ein Mädchen, das noch nie einen Rock getragen hat und auch keinen tragen will, ob es auch Hosen tragen würde, wenn sie für Mädchen so ungewöhnlich wären, wie Röcke für Männer es heute sind. Die Antwort war ein klares Nein. Jetzt wüsste ich gerne von erfahrenen Pädagogen: Wie kann man es schaffen, solche Jugendlichen, die eine solche Angst davor haben, etwas Ungewöhnliches zu tun, bei ihrer eigenen Emanzipation zu unterstützen? Wie kann man sie darin unterstützen, sich weder auf Grund ihres Geschlechtes oder ihrer sexuellen Orientierung, noch auf Grund ihrer Ethnie, ihrer Religion, ihrer politischen Überzeugung, ihrer Herkunft, ihres Gesundheitszustandes oder warum auch immer diskriminieren zu lassen oder andere aus einem dieser Gründe zu diskriminieren? Ich meine, das ist eine sehr wichtige Frage, denn ohne Emanzipation kann es keine Demokratie geben. Man stelle sich vor, sie richten sich später als Erwachsene bei den politischen Wahlen von vorn herein nach der Mehrheit der Gleichaltrigen, statt nach der eigenen Überzeugung! Man stelle sich vor, sie entwickeln sich zu Erwachsenen, die einfach tun, was man so tut, weil man es so tut, statt selbständige Entscheidungen zu treffen und für diese die Verantwortung zu übernehmen!

Jetzt werden Sie, werte Leserin und werter Leser, vielleicht sagen, das sei gar nicht schwer, sich das vorzustellen, weil es eh gang und gäbe sei. Menschen, egal ob Jugendliche oder Erwachsene, seien mehrheitlich Herdentiere, die der Mehrheit oder einem Führer folgen. Mit diesem Einwand hätten Sie nicht ganz Unrecht. Aber soll man deswegen resignieren und seine Ideale aufgeben?

Ich mache auch immer wieder auch folgende Erfahrung: Die allermeisten Menschen, Jugendliche wie Erwachsene, respektieren meine Kleidungswahl oder tolerieren sie zumindest. Die meisten brauchen ein wenig Zeit, die eigenen Seh- und Denkgewohnheiten zu ändern, manchen helfen gute Argumente dabei, andere brauche diese gar nicht. Und manche Männer trauen sich, wenn schon nicht, einen Rock zu tragen, so doch aber zuzugeben, dass sie es gerne würden, sich DAS aber nicht trauen, so zum Beispiel … Nein, ich nenne keine Namen, ich will ja niemanden kompromitieren.

Mir scheint es jedenfalls wichtig, den Jugendlichen den Wert der Emanzipation beizubringen, damit sie sich zu freien und verantwortlichen Erwachsenen entwickeln. Und dazu benutze ich die Kleidungsfrage gerne als Aufhänger. Das ist meine Art, vor allem den Jungs, aber auch den Mädchen und sogar vielen erwachsenen Männern und Frauen sichtbar Emanzipation vorzuleben, und das auch noch mit Genuss, denn es ist meistens wirklich sehr angenehm, einen Rock zu tragen. Nicht immer, aber wenn nicht, bin ich emanzipiert genug, auch Hosen zu tragen.

 

Wer mehr von mir zum Themenbereich „Emanzipation, Eigensinn und Röcke tragen“ lesen will:
Mundus bracatus? Nein danke! Plädoyer wider den Hosenzwang (von 1999):
http://dress2kilt.eu/s0123.htm
Sozialverantwortlicher Eigensinn (von 2002):
http://michael-alwis-schmiedel.blogspot.com/2005/03/sozialverantwortlicher-eigensinn.html
Eigensinn statt Klischeedenken (von 2004):
http://www.rockmode.de/index.php?topic=1484.0
Erfahrungsbericht eines rockbegeisterten Mannes (von 2009):
http://www.rock-er.de/index.htm?s=michael.html  

 

Und hier der oben erwähnte Text über den „Homo sapiens“, den ich mit etwa 16 Jahren schrieb. Ich habe damals leider kein Datum dazu geschrieben, aber es dürfte 1981 gewesen sein: Die Wesensart des Menschen.

 

Bei Gelegenheit werde ich hier auch gerne mal eine Bildergalerie anfügen, um zu zeigen, wie ein rocktragender Mann aussehen kann. Es ist ja letztlich eine Frage der Seh- und Denkgewohnheiten, nicht des Geschlechtes.

 

Zum Zusamenstellen von Fotos kam ich noch nicht, aber im August/September 2013 interessierte sich plötzlich die Presse und sogar das Fernsehen für meine Beinkleidvorliebe. Die Berichterstattung habe ich -> hier einmal zusammengefasst (pdf).


(Hier veröffentlicht am 23.8.2011; Link auf die Presseberichte ergänzt am 19.10.2013.)

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