Nachbarschaft im Islam und Christentum
Veranstaltung in der Moschee An der Esche am Tag der offenen Moschee in Bonn
von Michael A. Schmiedel
Auch am 18. Jahrestag der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten zu einem ist weder diese Wiedervereinigung zu einem alle zufrieden stellenden Ende gekommen, noch ist die deutsche Gesellschaft mit all den unterschiedlichen Migrations- und anderen Hintergründen ihrer Mitglieder so zusammen gewachsen, dass es kein „wir“ und „ihr“ im Sinne eines „wir Deutschen“ und „ihr Anderen“ mehr gäbe. Der Prozess ist weiterhin im Gang und das Ende nicht absehbar.
Ein wichtiger Bestandteil dieses Prozesses ist der alljährlich am Tag der Deutschen Einheit stattfindende Tag der offenen Moschee, an dem deutschlandweit cirka 1000 Moscheen ihre Türen für Nichtgemeindemitglieder, insbesondere für Nichtmuslime öffnen. Oft gibt es ein besonderes Programm, wie einen Vortrag, ein Podiumsgespräch, ein Konzert oder anderes.
Die zur DITIB gehörende Moschee An der Esche in Bonn bot dieses Jahr in Zusammenarbeit mit dem Katholischen Bildungswerk Bonn, der EMFA-Integrationsagentur und dem Bonner Institut für Migrationsforschung e.V. (BIM) ein Podiumsgespräch zum Thema „Nachbarschaft im Islam und Christentum“. Auf dem Podium saßen Hidir Celik von der EMFA und vom BIM, Rainer Kaps vom KBW, Coletta Manemann, die Integrationsbeauftragte der Stadt Bonn, Mehmed Aksar von der Moschee An der Esche, der neue Imam der Moschee und Tekin Celiköz, ein Muslim, der nicht der Gemeinde angehörte.
Manemann erklärte, dass vor allem im Bonner Norden sehr viele verschiedene Ethnien mit- aber auch nebeneinander lebten. Das Nebeneinander, die Trennung unterschiedlicher Lebenswelten empfänden vor allem alte Leute und Mütter mit Kindern als sehr intensiv. Wünschenswert sei so etwas wie ein Stadtteilzentrum, in dem sich alle treffen könnten, aber das sei unrealisierbar. Wichtig sei deshalb einfach das Sich-Öffnen füreinander. Wichtig für Religionsgemeinschaften wie zum Beispiel Moscheegemeinden sei es, die Nachbarn rund herum einzuladen, auch nichtreligiöse.
Celiköz betonte, im Islam gebe es Nachbarschaftspflichten, wie die, seine Nachbarn gut zu behandeln, ihnen zu helfen, ihnen bei Krankheit beizustehen, ihnen nicht nachzuspionieren, und das unabhängig von der Religionszugehörigkeit. Wichtig sei es, dass Nachbarn im gegenseitigen Vertrauen leben können.
Akzar, der in der Moscheegemeinde für Öffentlichkeits- und Jugendarbeit zuständig ist, erzählte von einer Fragebogenaktion in der Bonner Altstadt, bei welcher die Leute über ihre Empfindungen bezüglich der Präsenz so vieler Ausländer in der Stadt befragt wurden. Die Antworten seien positiver als erwartet ausgefallen. Eine deutsche Studentin habe sich aber darüber beschwert, dass sie von ihrem türkischen Vermieter als Frau nicht ernst genommen fühle. Akzar sagte aus der Perspektive eines Familienvaters, dass der Kontakt zu Nachbarn am besten über die Kinder laufe.
Celik sagte, wichtig sei es, sozialraumorientiert zu arbeiten, womit er meinte, auf der Stadtteilebene. Wir sollten für eine respektvolle, aufgeklärte und vorurteilsfreie Gesellschaft arbeiten und zudem perspektivisch auf die Zukunft ausgerichtet.
Es kamen auch Fragen und Beiträge aus dem Publikum. Zum Beispiel wurde das Problem der im Ramadan fastenden Jugendlichen angesprochen, die in dieser Zeit keine volle Leistung in der Schule und beim Sport bringen könnten. Manemann sagte, dass dieses Problem in letzter Zeit sehr häufig angesprochen werde. Akzar erklärte, dieses Problem müsse auf der Ebene des Koordinationsrates der Muslime in Deutschland behandelt werden, denn nur der sei befähigt, verbindlich für alle Muslime in Deutschland zu sprechen. Wichtig sei es aber, dass die Erwachsenen, die Eltern und Lehrer darüber ins Gespräch kämen und dass das Problem nicht auf dem Rücken der Jugendlichen ausgetragen werde.
Akzar hielt uns Deutschen auch den Spiegel vor, in dem er sagte: Die Deutsche wollten immer als Individuen angesprochen werden, während die Ausländer gerne anhand einiger Merkmale in einen Topf würden. Wichtig sei es, detailliert und differenziert hinzugucken.
Ein anderes Problem sei das Problem der mangelnden Beherrschung der deutschen Sprache vor allem bei türkischen Frauen. Die von mehreren Institutionen angebotenen Sprachunterrichte würden zu wenig nachgefragt. Celiköz meinte, die Angebote seien oft zu wenig auf die Bedürfnisse der Frauen zugeschnitten. Es fehle zum Beispiel an Kinderbetreuungen zu dieser Zeit. Ansonsten seien gerade die Frauen daran interessiert, deutsch zu lernen. Celik sagte, ein türkisches Sprichwort sage sogar: Jede Sprache, die man lernt, eröffnet neue Welten und neue Türen.
Der neue Imam der Moschee An der Esche spricht jedenfalls noch kein Deutsch. Aber er hatte eine Begrüßungsrede auf Deutsch auswendig gelernt. Alle Achtung!
Somit ging das Gespräch eigentlich weniger über Christentum und Islam, als über Einheimische und Migranten. Gerade für Migranten in der Diaspora, so erklärte Kaps, sei aber die Religion ein wichtiger Stabilitätsfaktor.
Wir saßen anschließend noch gemütlich beim Tee zusammen. Nachbarschaft kann sehr schön sein, wenn man es will. Schade nur, dass keine weiblichen Gemeindemitglieder zu der Veranstaltung gekommen waren, während Frauen unter den Gästen die Mehrheit bildeten.
MAS
