"Absender Islam: Ein Brief an die christliche Welt. Öffentlicher Vortrag und Podiumsdiskussion zum 1. Jahrestag der Veröffentlichung 'A common word between us and you'" am 13.10.2008 in der Uni Bonn
Von Michael A. Schmiedel, M.A. mit Unterstützung von Dr. Jeannette Spenlen
Das Zentrum für Religion und Gesellschaft ZERG der Universität Bonn lud am 13. Oktober in Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Forum Bonn, dem Katholischen Bildungswerk Bonn und dem Rat der Muslime in Bonn zu einem überaus spannenden Vortrags- und Diskussionsabend in den ehrwürdigen Festsaal der Uni ein. Der Zulauf der Interessierten war so groß, dass noch Stühle herein getragen werden mussten.
Der Islamwissenschaftler Prof. Dr. Stephan Conermann von der Uni Bonn führte moderierend durch den Abend, sein Vorvorgänger auf dem Lehrstuhl für Islamwissenschaft Prof. em. Dr. Stefan Wild hielt den Hauptvortrag, auf den Prof. Dr. Jamal Malik, Islam- und Religionswissenschaftler von der Universität Erfurt eine Respons vortrug. Zusätzlich standen anschießend Dr. Thomas Lemmen vom Referat für den Interreligiösen Dialog des Erzbistums Köln und von der Christlich-Islamischen Gesellschaft und Prof. Dr. Günter Röhser, evangelischer Theologe an der Universität Bonn für Kommentare und Fragen zur Verfügung.
Stefan Wilds Vortrag analysierte die Reaktion von muslimischer Seite auf die berühmt-berüchtigte Rede von Papst Benedikt XVI. an der Uni Regensburg im Dezember 2006. Der Papst hatte damals einen byzantinischen Kaiser zitiert, der sich sehr despektierlich über den Propheten Muhammad und die von ihm gestiftete Religion, den Islam, geäußert hatte. Der Islam sei eine Religion der Gewalt und der Unvernunft, von der nur Böses kommen könne. Muslimische Protestdemonstrationen und sogar Mordanschläge auf Christen gingen anschließend durch die Medien. Auch erwähnt wurde, dass eine Delegation muslimischer Gelehrter eine Audienz beim Papst erhielt. Aber was es nun damit genauer auf sich hatte, das ging im Wust der Horrormeldungen unter.
Es waren zunächst 38 Gelehrte, die noch 2006 einem Ruf des jordanischen Königshauses in Amman folgten, und einen Brief an den Papst, diverse andere christliche Oberhäupter und die ganze Christenheit verfassten, dem sich später, am 13.10.2007, dem letzten Tag des muslimischen Fastenmonats Ramadan, 100 weitere Gelehrte anschlossen. Es waren Muftis aus verschiedenen europäischen und asiatischen Ländern, Sunniten und Schiiten und die Dekanin der Mädchenabteilung für Theologie an der ägyptischen Al-Azhar-Universität. darunter. In diesem Brief riefen sie zu “einem gemeinsamen Wort zwischen uns und euch” auf. Der Brief war in einem freundlich-kritischen Ton und ohne jede Polemik verfasst. Die Verfasser riefen die Christen dazu auf, den Koran genau so zu respektieren, wie sie die Bibel respektierten und nannten die Gottes- und Nächstenliebe als wesentliche Gemeinsamkeiten der beiden Religionen.
Wild betonte, dass dieses Unterfangen einen bislang so nicht gekannten muslimisch-ökumenischen Geist zeige, wenn es auch zu bemerken war, dass Vertreter des türkischen Islam ganz fehlten und von deutschen Muslimen nur Murad Hoffmann den Brief unterschieben hatte, nicht aber eine Größe wie Tariq Ramadan. Wild fragte auch etwas kritisch nach, ob denn die Nächstenliebe im Koran tatsächlich eine Rolle spiele, die der im Neuen Testament der Bibel entspreche. Die Gelehrten haben dieses Doppelgebot vor allem aus der Hadith-Literatur abgeleitet. Als weiteren Kritikpunkt nannte er die Anknüpfung der Formulierung des gemeinsamen Wortes an in der muslimischen Geschichte häufige Formulierungen, die zum Übertritt zum Islam aufriefen.
Aufrufe zum Dialog hat es laut Wild von muslimischer Seite immer gegeben, aber dass im Gefolge des Briefes der 138 sogar das Saudische Könighaus den Dialog unterstützt, das sei doch eine unerhörte Neuigkeit. Aber tatsächlich luden diese Vertreter des strengen wahabitischen Islam im Juli 2008 zu einem großen interreligiösen Treffen nach Madrid ein. Diese Wirkung des Briefes brachte es mit sich, dass er als ein Meilenstein oder gar als ein Quantensprung der islamisch-christlichen Beziehungen bezeichnet wurde, vor allem da das Verhältnis einen erschreckenden Tiefpunkt erreicht hatte, was auch mit der US-amerikanischen Außenpolitik zusammen hängt. Einige evanglikale und anglikanische Geistliche trauten dem Brief aber nicht und wiesen besonders die Behauptung zurück, Muslime und Christen verehrten den selben Gott. Auch jüdische Kreise, an die, als Teil der Gläubigen, der Brief auch adressiert war, reagierten teils begeistert, teils eher vorsichtig.
Wild beendete seinen Vortrag mit der Frage, ob der Dialog auf dieser hohen akademischen Ebene auch die Probleme der Gläubigen im Alltag lösen könne. Dieser Dialog habe einen symbolischen Charakter, aber die sozialen Probleme seien oft handfester. Nichtsdestotrotz stehe es um den Dialog nun besser als vorher.
Jamal Malik machte in seiner Response darauf aufmerksam, dass die Rede des Papstes auf ein viel größeres Medieninteresse gestoßen war als der Brief der muslimischen Gelehrten. In neun Punkten raisonierte er über die Rede, den Brief und die Folgen. Die Regensburger Rede habe wohl deshalb so viel Widerhall verursacht, weil sie gegen die Marginalisierung von Religion in der modernen Gesellschaft argumentierte. Sie betone einen Diskurs der Religionsgemeinschaften, um sich selber nach außen zu festigen. Die Rede sei von einem Kulturpessimismus gekennzeichnet. In der Folge zeige sich nun aber ein Sich-öffnen zweier bisher monolitischer Glaubensblöcke. Die Muslime wechselten von einem vom Kolonialismus geprägten Abgrenzungsdiksurs zu einer Erfindung gemeinsamer Normen. Die Abgrenzung bleibe aber in der Formulierung “zwischen uns und euch” noch bestehen. Die Frage nach der eigenen Identiät sei ein sehr wichtiges Instrument der Integrationspolititk. In vielen Diskursen würden Muslime “islamisiert”. Aber plurale Identiäten bedeuteten Ambivalenzen und auch Chancen. Malik verwies auf Martin Bubers Ansicht, dass man nur über das Du zum Ich gelangen könne.
Thomas Lemmen betonte, dass der interreligiöse Dialog nicht erst mit dem Brief der muslimischen Gelehrten begonnen habe, dieser aber eine hohe symbolische Wirkung habe. Er sei von Respekt und Sorge um das Seelenheil geprägt und ermutige die Muslime, die sich schon im Dialog engagierten, das auch weiterhin zu tun. Er war im Juli 2008 bei dem schon erwähnten vom saudischen König organisierten interreligiösen Treffen in Madrid dabei gewesen und meinte, auch das Gegenseitige Händeschüttlen von Religionsvertretern, die sich bisher noch mit großen Vorbehalten gegenübergestanden hätten, sei von großer symbolischer Bedeutung. Von deutschen Muslimen werde der Brief noch nicht so sehr rezipiert, weil diese zumeist türkischstämmig seien. Aber die Verlautbarungen aus der Türkei würden dem Brief der Gelehrten nicht widersprechen und es gebe bei der DITIB viel Nachdenken über den ihn.
Günter Röhser lobte Sorgfalt, mit der in dem Brief religiöse Texte miteiander verglichen worden sind. Bis in feinste Verästelungen würden Bibel- und Koranstellen miteinander verglichen und hermeneutisch bearbeitet aus dem Interesse heraus, einen “common ground”, einen gemeisamen Grund beider Bücher als Ausgangspunkt zu finden.
Ob nun die Gottes- und Nächstenliebe tatsächlich die Mitte oder das Wesen der beiden heiligen Bücher ausmache, sei eine müßige Frage. So oft kämen beide Werte in beiden Büchern gar nicht vor, aber darum gehe es auch gar nicht. Die Autoren des Briefes hätten das Interesse, Gemeinsamkeiten zu finden, die freundliche Seite der Texte hervorzuheben und unheilvollen Traditionen zurückzustellen.
Das sei vielleicht nicht das Wesen der Texte, aber sehr wichtig. Dieses Gemeinsame sei weniger dogmatischer als religiös-ethischer Natur. Es werde zu einem Verhalten eingeladen, unddies sei ein Beitrag zum Weltfrieden. Auch wenn zum Beispiel die Religionsfreiheit aus Bibel und Koran hergeleitet würden, sei das zwar nicht so einfach, aber zeuge vom guten Willen der Autoren.
Die anschließende Fragerunde zeigte, dass der Dialog noch nicht sehr tief begründet ist. So fragte ein Zuhörer, warum Christen für Greueltaten aus der Vergangenheit um Entschuldigung bäten, Muslime aber nicht. Wild antwortete, Schuldbekenntnisse seien zwar in der christlichen Religion üblicher als in der islamischen, aber sehr wohl gebe es solche auch. Wichtiger als Vergangenes zu bedauern sei aber das Vorausdenken in die Zukunft und da sei Selbstkritik wichtiger als Kritik an anderen. Auch wurde nach der historisch-kritischen Forschung gefragt, die Christen mit der Bibel viel intensiver betrieben als Muslime mit dem Koran. Röser sagte, auch bei Muslimen sei da viel in Bewegung. Der Fall Kalisch ist aus der Sicht von Malik, der darin mit Prof. Dr. Gudrun Krämer von der FU Berlin übereinstimmt, besonders diffizil, weil Prof. Dr. Muhammad Sven Kalisch Religionslehrer ausbilde, und diese nicht nur eine historisch-kritische, sondern eine dogmatische Ausbildung erhielten, und da komme es zu Widersprüchen. Solange man dogmatische Ausbildungen für wichtig halte, komme man aus diesen Widersprüchen auch nicht heraus.
Soweit mein Bericht über diesen Vortrags- und Diskussionsabend. Wer nun neugierig geworden ist, was denn die 138 Gelehrten im Wortlaut geschrieben haben und nach guten Übersetzungen aus dem Arabischen sucht, sei auf die englische Übersetzung verwiesen, die, wie Wild meint, besser sei als die Deutschen Übersetzungen, die es auch gibt.
Diese findet man hier: http://www.acommonword.com/
Wer die Redes des Papstes nochmal im Wortlaut lesen möchte, findet sie her: http://www.radiovaticana.org/ted/Articolo.asp?c=94864
Und wer sich über die Veranstalter des Abends informieren möchte, kann das hier tun:
ZERG:
http://www.uni-bonn.de/www/zerg.html
Evangelisches Forum Bonn:
http://www.ekir.de/bonn/KKBonn_Kirchenkreis_28845.asp
Katholisches Bildungswerk Bonn:
http://www.erzbistum-koeln.de/bildungswerk/bonn/
Rat der Muslime in Bonn:
http://muslimrat-bonn.de/












