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Gemeinsam auf dem Friedensweg – 25 Jahre Dialog der Religionen in Witten – am 18.10.2008

von Michael A. Schmiedel


Seit 1983 gibt es in Witten im Ruhrgebiet einen funktionierenden interreligiösen Dialog, der damals als christlich-muslimischer begann, sich aber bald auf Juden, Buddhisten, Hindus, Sikhs und Baha’i ausdehnte. Das so entstandene Forum Religiöser Begegnung (FRB) trat 1992 der World Conference on Religion and Peace (WCRP), heute Religions for Peace (RfP) bei. Von Anfang an war der evangelische Pfarrer Dietrich Schwarze der “Haupträdelsführer” und ist es auch heute noch, eine Kontinuität, die sich ausgezahlt hat. Am 18.10.2008 feierte die RfP-Gruppe Witten ihr 25-jähriges bestehen mit einem interreligiösen Friedensweg am Nachmittag und einem Festvortrag von Prof. Dr. Karl-Josef Kuschel am Abend.

Dem Friedensweg vorausgehend fand eine Regionalkonferenz der RfP-Gruppen Witten, Köln/Bonn und Rhein/Main in der Moschee der Bosnischen Muslime statt. Der Friedensweg startete aber an der Katholischen St. Franziskus-Kirche und führte wieder zur Bosnischen Moscheegemeinde, dann weiter zur Gedenkstelle der ehemaligen Synagoge, die 1938 zerstört worden war, zum Islamischen Kulturverein Witten (türkisch), zum Rathausplatz und zuletzt zur evangelischen Johanniskirche, wobei die Gebäude aus Zeitgründen nicht betreten wurden. Zirka 80 Menschen und ein Pudel nahmen an dem Friedensweg teil. Viele trugen Schilder mit dem Namen ihrer Gemeinde oder RfP-Gruppe oder aber für eine Religion, die keine Vertreter dabei hatte. An jeder Station wurden Gebete gesprochen, nicht nur von der Religion, zu der die jeweilige Station gehörte, sondern auch andere, so auch Baha’i- und Hindu-Gebete vor einer Moschee, Sikh-Gebete vor einer Kirche und so weiter. Vor dem Rathaus gab es eine rhythmische Auflockerung in Form eines Trommelkonzertes der Barulheiros de Stockum, einer Band deutscher Jugendlicher, die sich auf brasilianische Trommelmusik spezialisiert haben.

Der Festakt am Abend im Gemeindesaal der Johanniskirche wurde an die Geschichte des interreligiösen Dialoges in Witten erinnert, zum Beispiel auch daran, wie zu Anfang Unmut Vorbehalte und Absolutheitsansprüche alles beherrscht haben und man schließlich herausfand, des es doch klappen kann. Hilfreich dabei waren aber auch ganz konkrete Hilfestellungen beim Umgang mit Behörden und dergleichen, die Dietrich Schwarze den muslimischen Gemeinden gab, denn so konnte Vertrauen wachsen. Grußworte zum Beispiel des evangelischen Superintendenten Ingo Neserke und des RfP-Deutschland-Vorsitzenden Dr. Franz Brendle und der zahlreichen Aktiven bei RfP-Witten leiteten den Festvortrag des Ehrengastes ein.

Prof. Dr. Karl-Josef Kuschel ist Theologe am Institut für Ökumenische Forschung in Tübingen in dem unter anderem über die Voraussetzungen und Grenzen eines Beitrages der Weltreligionen zu einem globalen Ethos geforscht wird. An diesem Abend sprach er zum Thema: "Jeder Mensch ein Abbild Gottes. Konsequenzen für das Miteinander der Religionen“. Er verglich dabei die jüdisch-christliche Vorstellung vom Menschen als Ebenbild Gottes mit der muslimischen Vorstellung vom Menschen als Stellvertreter (Khalif) Gottes auf Erden. Somit war sein Vortrag abrahamitisch-ökumenisch angelegt, aber Kuschel legte Wert darauf, andere Religionen nicht ausschließen zu wollen, sondern nur exemplarisch zu reden. Er verwies darauf, dass die im Grundgesetz garantierte Unantastbarkeit der menschlichen Würde einen metaphysischen Hintergrund habe, nämlich das Unantastbare schlechthin. Gott habe in allen drei abrahamitischen Religionen dem Menschen einen Herrschaftsauftrag über die Erde gegeben. Dieser Auftrag sei kein Freibrief, sondern ein Verantwortungsauftrag. Der Koran betone dabei eher das kollektive Menschsein, die Bibel das individuelle, aber in beiden Schriften komme die Beschwerde der Engel bei Gott über diese Hochschätzung des Menschen vor. Gott aber vertraue dem Menschen, er gehe das Risiko Mensch ein.
Lange hätten Muslime und Christen die Gottesebenbildlichkeit und die Gottesstellvertreterschaft des Menschen polemisch gegeneinander ausgespielt, aber im Grunde ergänzten sich beide Konzepte einander sehr sinnvoll. Es gebe eine gemeinsame jüdisch-christlich-muslimische Agenda, die das Geschaffensein des Lebens und so auch des Menschen, die Unvollkommenheit des Menschen zwischen Paradies und Fremdheit, Versagen und Sterblichkeit, verbunden mit dem Appell zur Umkehr auf den Weg Gottes und die Verteidigung der Würde des Menschen beinhalte. Zwar sei das Wort „Würde“ griechischen Ursprungs und komme so weder in der Bibel noch im Koran vor, aber das worum es geht sei in beiden Büchern grundgelegt. Die menschliche Würde komme von Gott. Kein Mensch könne von sich aus sich oder einem anderen Menschen Würde verleihen, aber auch nicht aufkündigen. Die Würde sei kein Attribut des Menschen, keine Eigenschaft und auch kein Handeln des Menschen, sondern ihre Begründung liege im Unantastbaren schlechthin. Der Mensch sei kein Satz aus Bausteinen, sondern eine persönliche Idee Gottes.
Kuschel verwies am Ende seines Vortrages auf den jüdischen Komponisten Leonard Bernstein, der eine Komposition nach dem jüdischen Totengebet Kaddisch benannt habe, in der er Gott wegen der Verfehlungen der Menschen um Vergebung bitte und letztlich Gott darüber trösten wolle, dass sein Geschöpf so sei wie es ist. Der Mensch sei das größte Risiko Gottes, so dass man mit Gott Mitleid haben müsse. Wichtig sei der Glaube an das, was immer wieder zerstört werden kann.

Der letzte Satz klingt noch lange nach. Wir empfindlich ist das interreligiöse Dialog, das Gespräch und das Miteinanderleben von Menschen, die sich die Welt und den Sinn des Lebens unterschiedlich erklären und so verschiedene Vorstellungen davon haben, wie man richtig lebt und wie man nicht leben darf! Man kann leicht den Glauben daran verlieren, dass er möglich ist. Dieser Tag in Witten aber macht Mut, es immer wieder zu versuchen und dabei auch Risiken einzugehen.

Ein paar Links zum Weiterstöbern:
Religions for Peace Witten: http://www.wcrp-witten.de/
Barulheiros de Stockum: http://www.barulheiros.de/
Karl-Josef Kuschel: http://www.uni-tuebingen.de/uni/ogg/html/kuschel.htm

PS: Aufgrund leerer Batterien konnte ich nicht alles digital fotografieren, habe aber noch Dias.

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